22.02.2012

Demnächst neu beim VentVerlag:

Die fünfte Etage

Die fünfte Etage (Cover)

Eric Jan Faust:

Die fünfte Etage

Erzählungen

  • Hardcover
  • ca. 150 x 200 mm
  • 128 Seiten
  • € 19,90
  • ISBN 978-3-942560-03-0
  • Erscheinungsdatum: 20.02.2012

Mit Illustrationen von Silke Kowalski

Der Abiturient Thomas Rothschild tritt einen Ferienjob als Liftboy an – in einem DDR-Warenhaus der siebziger Jahre. Es ist ihm streng verboten, in die fünfte Etage zu fahren, doch er kann der Versuchung nicht widerstehen. Daß er viele Jahre später, nach dem Fall der Mauer, dafür bezahlen wird, kann der junge Mann nicht ahnen …

In scheinbar harmlosem Plauderton führt Eric Jan Faust in sieben Erzählungen und Kurzgeschichten den Leser in Situationen, die ihren skurrilen Beigeschmack erst später enthüllen – oder sich überraschend wenden. Die Geschichten leben nicht zuletzt von der sparsamen, feinsinnigen Figurenzeichnung Fausts.

Silke Kowalski verleiht mit ihren Illustrationen in unverwechselbarer Bildsprache dem vorliegenden Erzählband nicht nur eine zusätzliche ästhetische Dimension, sondern erweitert den Spielraum des Lesers für die Interpretation beträchtlich. Im Ergebnis der Auseinandersetzung mit den literarischen Figuren entstand eine Anzahl von Tuschezeichnungen, die mit den Texten des Autors eine Symbiose eingehen, aber auch kraftvoll genug sind, um als eigenständige Kunstwerke zu bestehen.

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Leseproben

Die Alte am Fließband

Als ich ungefähr sechzehn Jahre alt war, hatte ich Anteil an einer merkwürdigen Begebenheit. Eine alte, dicke Frau arbeitete in einer Schnapsfabrik am Ende eines Fließbandes. Dort saß sie zusammengesunken auf einem Stuhl oder Hocker – das weiß ich nicht mehr sicher – vor ihrer Aufgabe, die auf dem Band vorbeiziehenden Kartons mit einem Etikett zu bekleben.
Die Alte erledigte diesen Auftrag im Schlaf, und das ist wörtlich zu verstehen: sie schlief tatsächlich bei der Arbeit. Ich habe das selbst nachgeprüft, weil ich es zuerst nicht glauben wollte, als es mir berichtet wurde. Meine Anwesenheit in der Fabrik begründete sich übrigens mit einer Aushilfstätigkeit in den Ferien. Ein wenig Geld für die nächsten Reisen mit dem Motorrad oder per Anhalter konnte ich immer gebrauchen. Ich stand am Fließband etwa drei Meter neben der Alten und war in der Produktionskette ihr unmittelbarer Vorgänger. Meine Aufgabe bestand darin, die bereits mit Flaschen bestückten Kartons zu verschließen.

Die Frau war wirklich sehr dick, nicht schön und auch etwas ungepflegt, oder wenigstens nachlässig mit sich. Es war mir unmöglich, ihr Alter zu schätzen – zu viele Faktoren mußten das Ergebnis verfälschen. Neben ihr stand eine Blechschüssel mit Leim, und in der Hand hielt sie einen großen, runden Pinsel. Sie tauchte den Pinsel in den Leim und strich ihn dann mit einer sicheren, ja lässigen Hin- und Herbewegung über den Karton; das alles, ohne hinzuschauen. Mit der anderen Hand hatte sie in der Zwischenzeit ein Etikett vom Stapel genommen und drückte dieses nun auf die Stelle mit dem Leim. Dieser Vorgang wiederholte sich unzählige Male. Das Fließband lief nicht besonders schnell, aber mich fesselte vor allem ihr exaktes Zeitgefühl. Mit geschlossenen Augen wußte sie, wann der nächste Karton vor ihr angekommen war, um sich bekleben zu lassen. Der ewig gleiche Takt des Bandes hatte sie dressiert, ihre innere Uhr geeicht.

Die fünfte Etage

Am Mittwoch stieß Birgit ihn in der Mittagspause verschwörerisch mit dem Ellbogen in den Arm.
„Man hört ja dolle Sachen von dir! Die Kunden reden schon über dich…“
Thomas erschrak sich ein wenig. „Oh – hat sich jemand beschwert?“
Birgit drückte ihre Zigarette aus. „Na du bist gut! Und wenn schon. Beschweren sich doch alle. – Jetzt guck nicht so bedeppert, es hat sich keiner beschwert. Im Gegenteil, dein Fahrstuhl ist jetzt hier das beste Angebot. Der Rote Baron ist richtig stolz auf dich.“
„WER??“
„Na Richthoff. Der ist doch hier auch der Parteisekretär – Roter Baron – verstehste? Aber der ist schon in Ordnung. Hält uns eigentlich ganz gut den Rücken frei. Jedenfalls besser also so ein… na egal. Aber halt trotzdem lieber die Klappe.“
„Du, Birgit…?“
„Ja?“
„Wollen wir mal – naja, ausgehen? Oder was zusammen machen?“
Birgit lachte, aber es verletzte ihn nicht.
„Was meinst du denn damit?“ Sie strich sich die langen dunklen Haare aus dem Gesicht und sah ihn erwartungsvoll an.
„Ach naja, weiß auch nicht. Vielleicht ein Bier nach Feierabend? Heute? Nur falls du Bier trinkst, sonst eben Wein, oder was anderes, ich meine…“
„Ich weiß, was du meinst“, unterbrach sie ihn, und ihr Lächeln entfernte sich ein Stück. „Aber heute geht es nicht, da habe ich schon – was vor. Ein andermal gern. Wirklich! Abgemacht?“ Das Lächeln war zurückgekehrt; sie stand auf, nahm ihr Tablett und drückte ihm rasch einen Kuß auf die Wange, bevor sie die Kantine verließ, ohne sich noch einmal umzusehen.

Die fünfte Etage

Kurz vor Ladenschluß am Freitag wollte er gerade den Knopf für die vierte Etage drücken, als die Ruflampe für das Erdgeschoß aufleuchtete. Das war sehr ungewöhnlich, und Thomas zögerte, denn es waren mit Sicherheit Kunden in der vierten, die ganz nach unten wollten, um das Kaufhaus zu verlassen. Aber die Fahrt nach oben ging vor – vielleicht hatte jemand eine wichtige Besorgung vergessen. Thomas tippte auf Zahnpasta. Demnach würde die Fahrt in die dritte Etage gehen; dann könnte er also die wartenden Kunden aus der vierten immer noch rechtzeitig abholen.
Er fuhr ins Erdgeschoß. Dort wartete ein Mann vor der Tür, der nur wenig älter als Thomas sein konnte, einen blauen Handwerker-Kittel trug und offensichtlich ein Kollege aus dem Kaufhaus war.
„Na, schon eingearbeitet?“ fragte er ohne Umschweife und mit einer unpassenden Vertraulichkeit in der Stimme. Thomas nickte mißtrauisch. Der junge Mann streckte ihm die Hand hin und lächelte.
„Norbert!“, stellte er sich vor, „Heimwerkerbedarf, im Erdgeschoß.“
„Ja, danke. Ist ja nicht besonders kompliziert“, antwortete Thomas und ergiff Norberts ausgestreckte Hand. „In die Dritte, nehme ich an?“
Norbert drückte die Hand sehr fest und viel länger als üblich, wobei er Thomas ein wenig an sich heranzog, als wollte er ihm ein Geheimnis verraten und könnte deshalb nicht so laut reden. „Nix da: Dritte! Ich muß gleich wieder zurück, ist Kassenschluß jetzt. Ich wollte dir nur eins sagen: laß die Finger von Birgit! Sonst gibt’s ganz, ganz bösen Ärger. Mit mir nämlich. Kapiert, Kleiner?“ Seine Stimme klang jetzt tatsächlich so leise und zischend, wie bei einer gefährlichen Offenbarung, aber seltsamerweise lächelte er dabei noch immer. Diese Unstimmigkeit zwischen Worten und Gesichtsausdruck verblüffte Thomas so sehr, so daß ihm die äußerst unglaubwürdige und auch feige Frage „Welche Birgit?“ herausrutschte.
Das Lächeln stand in Norberts Gesicht wie eingemeißelt, aber jetzt schienen die Züge eine Spur weicher zu werden.

Marika

Mit Verwunderung stellte Henry fest, dass Marikas Grausamkeit seine Liebe zu ihr in keiner Weise geschwächt hatte, im Gegenteil: irgendetwas an ihrem Benehmen zog ihn sogar an. Was er empfand, war eine seltsame Mischung aus noch größerer Sehnsucht und Abscheu. Letztere war wiederum in sich ein sehr kompliziertes Gebilde, weil sie sich zum Teil gegen Marika, zum Teil aber gegen Henry selbst richtete, insbesondere gegen die eigene Ohnmacht, in dieser Angelegenheit irgendetwas tun zu können, was dem Lauf der Dinge seinen Willen diktieren würde. Manchmal ertappte sich Henry bei der Vorstellung, wie er Marika doch noch an den Marterpfahl band und ihr ein Ohr oder wenigstens den schönen Pferdeschwanz abschnitt. Dafür würde er das große Küchenmesser mit der wellenförmig geschliffenen Klinge benutzen, dass ganz rechts in der Anrichte seiner Mutter lag. Dann, wenn er aus diesen Tagträumen herausgerissen wurde, pflegte er mit heftigem Weinen seine Gewaltphantasien zu bereuen.

Hühnerbrühe

Er hörte die Schritte, dicht, sehr dicht sogar, und sie kamen nicht aus der erwarteten Richtung. Einer der Verfolger mußte seinen Trick geahnt und ihm den Weg abgeschnitten haben. Keine zwei Meter schräg hinter ihm hallten harte Sohlen zwischen den engen Mauern. Zum Aufstehen und Loslaufen war es zu spät. Und am freien Ende der Gasse würde gleich der Rest der Meute auftauchen. Es war vorbei, und er hatte verloren. Murphy bemerkte in sich eine tiefe, mit Resignation vermischte Gelassenheit, die die kleine Neige von Widerstand in ihm aufsog. Er stellte sich vor, wie der Baseball-Schläger seinen Schädel zertrümmern würde und glaubte es für einen Moment sogar zu spüren.
Also dann, dachte er, und drehte in Erwartung des vernichtenden Schlages müde den Kopf in die Richtung, aus der die Schritte kamen. Dort stand ein alter Mann, der so aussah, wie sich Kinder Gott vorstellen. Ein langer, weißer Bart fiel ihm auf ein helles Gewand. Er trug eine Art Jesuslatschen mit Holzsohlen, keine Strümpfe und eine rote Perlenkette um den Hals, an der ein Kreuz baumelte.
„Komm!“ befahl der Alte und machte eine leichte Kopfbewegung in Richtung der gegenüberliegenden Häuserwand. Dort stand eine grüne Holztür mit einer antiken Eisenklinke halb offen. Aus dem Haus flackerte gelbes Licht auf die Pflastersteine. Murphy konnte sich nicht erinnern, dieses Licht oder die Tür vorher bemerkt zu haben.

Gute Geschäfte

Ja, er wird den Kunden schon machen, denn er ist dynamisch und flexibel und belastbar. Er wird mit den beiden Geschäftsführern in einem Konferenzraum sitzen, der seltsamerweise nicht conference room heißen wird. Er wird dort sein Unternehmen vorstellen mit denselben Worten, die auf der Website seiner Firma stehen und von „maximaler Nachhaltigkeit der Dienstleistungen“ künden und von „Aufgabenstellungen, die alle einzigartig“ seien und angeblich eine „individuelle Herangehensweise“ erforderten. Seine Gesprächspartner werden die Worte bereits kennen, denn natürlich haben sie sich längst über die Synergy Management & Consulting Services GmbH im Internet informiert, sonst fände dieser Termin ja gar nicht statt. Sie werden die Worte auch deswegen kennen, weil sie sie selbst verwenden, um ihr eigenes Unternehmen zu loben. Magnus Eppendorf wird mit einem Beamer eine Folge von Balkendiagrammen und belanglosen Gliederungspunkten an die Wand werfen, welche er mit PowerPoint erstellt hat, der unentbehrlichen Software für alle Geschäftsdeppen, die ausdrücken wollen, was sie nicht zu sagen haben. Die Präsentation hat er außerdem fünfmal ausgedruckt und mit einer Ringbindung versehen lassen und wird sie seinen neuen Geschäftspartner aushändigen, denn ausgedruckte PowerPoint-Folien sind das Gastgeschenk der modernen Business-Welt.

Der Schlaf-Voyeur

Die Uhr sagte nun: es ist soweit! Krautnagel überquerte die Straße und holte Seile und Karabinerhaken aus der Sporttasche. Dann stieg er auf den Mauervorsprung neben dem Schaufenster des kleinen Weinladens und von dort aus auf die Befestigung des Blitzableiters. In dieser Höhe konnte er bereits die erste der zahlreichen Ösen erreichen, die er in der Wand hinterlassen hatte. Vom Boden aus waren sie kaum zu sehen, denn er hatte sie immer in den Vertiefungen des Zierputzes angebracht, die als umlaufende Rillen zusammen mit den senkrechten Fugen die Fassade in zahlreiche Einzelflächen aufteilten. Der Rest war Routine. Wie eine altbekannte Übungswand erklomm Krautnagel die Fassade, die Karabiner dabei immer neu ins Seil klinkend.
Nach etwa drei Minuten befand er sich bereits in unmittelbarer Nähe des Ziels. Nur noch das Fenster war zu öffnen. Aber auch das eine leichte Übung, denn es war immer angekippt. Das ermöglichte Krautnagel, mit einem Spezialwerkzeug die obere Halterung des Fensters so auszuhebeln, daß das Fensterblatt nur noch in einer der unteren Ecken Halt fand und sich deshalb fast völlig frei bewegen ließ.

Als er endlich in ihrem Schlafzimmer stand, war plötzlich alle Anspannung wie weggeblasen. Da lag sie! Wie immer auf dem Rücken, den Kopf zur Seite gedreht und vom großzügigen Fluß ihrer dunklen Haare gesäumt, und atmete tief, aber mit Leichtigkeit ihren Träumen entgegen. Ihr rechter Arm lag angewinkelt neben dem Kopf, fast wie dem heimlichen Besucher zum Gruß. Und Krautnagel stellte sich vor, sie wolle ihn tatsächlich grüßen. Er hob sogar selbst zaghaft seine Hand und machte eine winzige, winkende Bewegung. Dann ging er langsam und vorsichtig rückwärts bis zu dem kleinen Schemel, der dem Fußende des großen Doppelbettes gegenüber an der Wand stand, wobei er seine unfreiwillige Gastgeberin nicht aus den Augen ließ.