04.09.2010

Ende September erscheint „TUT'S SCHON WEH?“ im VentVerlag.

Vorankündigung

Tut's schon weh? (Cover)

Matthias Heine, Udo Tiffert, Andreas Vent-Schmidt:

Tut's schon weh?

Geschichten, die das Leben sich nicht zu schreiben traut

  • Taschenbuch (Softcover)
  • 114 x 177 mm
  • 180 Seiten
  • € 12,40
  • ISBN 978-3-942560-00-9
  • Erscheinungsdatum: 29.09.2010

Nichts ist so absurd wie der Alltag. Jedenfalls, wenn man etwas genauer hinschaut und versucht, sich einen Reim auf die angeblich ganz normalen, in Wahrheit aber weitgehend widersinnigen Vorgänge des Lebens zu machen. Die Autoren der Lesebühne Cottbus beherrschen es, den Alltag auf genau diese Weise zu betrachten und in ironische, sarkastische oder notfalls auch bitterböse Worte zu fassen. Mit ihrer ganz speziellen Mischung aus Wortwitz, abenteuerlicher Logik und verblüffender Sachlichkeit bringen sie die Dinge auf den Punkt und ihr Publikum zum Lachen, Staunen und Kopfschütteln – oft gleichzeitig. Der Blick bleibt dabei auf das Wesentliche gerichtet: die immer wieder nur allzu menschlichen Verwirrungen und grotesken Katastrophen, die wir uns täglich selbst zufügen.

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Leseproben

Matthias Heine: Ich habe Angst.

Ich bin drin und die Angst, die wie ein Tier in mir nistet, beginnt sich langsam aufzuplustern. Alles ist aus Pappmaschee und pink und hellblau angestrichen. Überall Freß- und Souvenirstände, vierunddreißig Grad im Schatten, und die Menschenmassen sollen kaufen, kaufen, kaufen. Ganz fette Kinder fressen an ganz fetten Torten. Von überall her tönt und dröhnt infantile und unerträgliche Disney-Foltermusik. Sogar aus den Büschen dringen die zwanghaften Geräusche in jedes anwesende Paar Ohren. Visuell und akustisch haut mir der wilde Westen eine feige Backpfeife nach der anderen um dieselbigen. Ich denke an islamistische Fundamentalisten, und für einen kurzen Augenblick verstehe ich.

Andreas Vent-Schmidt: Mein Leben als Pizzabote

Am nächsten Tag war es genau so, wie ich vermutet hatte: wir waren nur am Rotieren. So eine Kreuzigung bringt das Geschäft richtig in Schwung. Nachdem ich den ganzen Tag fast nur Schaulustige beliefert hatte, musste ich zum Schluss noch eine Atlantis Giganteus mit doppelt Käse direkt zu den Kreuzen bringen. Einer der Wachleute hatte sie bestellt. Ich blieb dann noch eine Weile und sah mir die drei Verurteilten an. Der Wachmann schaffte seine Pizza nicht. Er steckte den Rest auf seine Lanze und reichte ihn diesem Jesus. Aber der mochte sie wohl nicht. Später war dann von einem essiggetränkten Tuch die Rede. Wer's glaubt, wird selig.

Udo Tiffert: Die Stirn haben

Hubertus stand nur noch einen Schritt von seinem Vater entfernt.
„Ah, du bist noch da?“ sagte der, „hast du noch etwas vergessen?” Vater drehte sich mit seinem Stuhl, bemerkte die Waffe in Hubertus' Hand.
“Was denn jetzt?” sagte er ernst mit lachenden Augen, „Für so etwas braucht man Mumm, das ist komplizierter, als eine Kerze auszupusten oder ein Studium hinzuschmeißen oder …“
Hubertus sah die grauen Haare des Vaters vor dessen Ohren; diese feinen Ohren an solch einem Menschen, an dem sonst nichts fein ist. Hubertus sah, daß sein Vater zum Sterben durchaus alt genug war, fragte sich jedoch, ob drei Jahre Bettlägerigkeit nicht eine höhere Strafe wären, ausgelöst vielleicht durch Gift oder eine tückische Rückenverletzung? Aber es ging ihm nicht um Strafe. Bevor Vaters Lächeln es von den Augen zum Mund schaffte, schoß er.

Andreas Vent-Schmidt: So ein Tag, so wunderschön wie heute

Der Mann … schien mir von der Sorte Menschen, die sich selbst Glück und Zufriedenheit vorspielen, um sich am Nachdenken zu hindern. Oder er war Anhänger einer Sekte und sein Hirn bereits soweit durchweicht, dass er jenen Irren glich, die die Welt nicht mal ansatzweise begreifen, sie aber toll finden, sobald die Sonne scheint. Die nur deshalb dauergrinsen, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen und weil ihnen die Intelligenz fehlt, die Mechanismen des Bösen und Schlechten zu durchschauen.

Matthias Heine: Dessert am Neujahrstag

Ich stecke mir eine Kippe an und denke an rein gar nichts mehr. Die nächsten zehn Stunden vergehen kräftezehrend im Taumel der Dekadenz. Die Menschen sind besoffen. Sie kommen besoffen und wollen Schnaps und Bier und Wein und Sekt und Kiff. Sie wollen sich selbst erliegen. Heute noch sündigen und morgen endlich kein neuer Anfang. Sich selbst betanzen. Nabelschau, bis sie bersten und brechen, sich in das neue Jahrzehnt kotzen. Gierig schlucken sie verheißungsvolle Blicke und reiben sich die kalten Körper im fiebrigen Schein der ranzigen Diskoleuchten.

Udo Tiffert: Das Tier ist der Chef

Das Tier war und ist dem Menschen stets überlegen. Der Adler sieht besser, der Albatros fliegt ausdauernder. Ein Geier riecht Aas auf fünfzig Kilometer Entfernung. Ein Haubentaucher kann länger tauchen. Ein Hund hört auf Männer, auf die sonst niemand mehr hört. Ein Pferd versteht sogar den Kummer von Frauen. Tiere haben die Entwicklung des Menschen behindert, ihn in seine Schranken gewiesen, wo sie nur konnten. Afrika, zum Beispiel, wurde nie ganz erschlossen. Löwen, Schlangen und Hyänen aßen sich an englischen Geographen und Vermessern satt. Rußland hat bis heute keine Bahnlinie bis Wladiwostok. Die Transsibirische Eisenbahn – ein Kindheitstraum, den erwachsene, schwellentragende Männer zwischen den Zähnen des Amurtigers aufgaben, wie ihre zerbissene Lunge das Atmen aufgab.

Andreas Vent-Schmidt: Das Ritual

Die Familie Dittmann wohnte über mir und hatte sich bereits am Tag meines Einzugs bei mir vorgestellt, indem sie mir die wichtigste Regel des hausgemeinschaftlichen Zusammenlebens erklärt hatte: Müllbeutel dürfen auf gar keinen Fall im Ganzen in die Tonnen geworfen werden, sondern sind in die Tonne zu entleeren, so dass der Müll ohne den umgebenden Beutel in der Tonne landet … Frau Dittmann unterstrich bei dieser Gelegenheit auch gleich ihre Kompetenz in Müllfragen durch die Informationen, dass sie nicht nur die Stelle des Hauswartes bekleidete, sondern überdies ihr Mann bei der Berliner Stadtreinigung tätig war, und zwar in einer Position, in der ihm nichts entgeht, sozusagen direkt am Puls des Geschehens: nämlich als Müllfahrer.

Matthias Heine: Dessert am Neujahrstag

Wie schwarze Früchte hängen die Raben in den winterkahlen Bäumen und scheinen ihren Schnäbeln nicht zu trauen. Der alte Trick mit dem Nüsseknacken auf dem Asphalt funktioniert nicht mehr. Sie fallen trotzig in den meterhohen Schnee und sind gänzlich verloren – wie die eingeschneiten Autofahrer, die mit der Vor- und Zurücktaktik auch keine Meter mehr machen. Sobald die Räder durchdrehen, menschelt es wieder. Man ist auf Fremde angewiesen, die beherzt zupacken und einen aus dem Chaos schieben. Vorbei der Mai, in dem man sich wie ein Arschloch in seiner Karre verschanzt und wahllos in alle Richtungen schnoddert. Wer ausparken will, muss freundlich sein. So zwischenmenschlich kann der Winter wirken, der liebe.

Udo Tiffert: Brauchst mir nichts zu erzählen

Sie gehen bis zum Feld. Hund riecht am Wegrand und Grasbüscheln an den Nachtmarken Durchreisender … Bauer Lehmann schaut auf die Sonne in den Zweigen. Manchmal denkt er, dass er nicht bis ins Alter von neunzig oder hundert Jahren die Schmerzen im Rücken aushalten möchte. Dann, an Morgen wie diesem, am Feld, wenn der Hund raschelt und trottet und die Luft am Beginn des Tages, rein, weder Tag noch Nacht, aus der Ackererde steigt, versteht er die Irren, die immer leben wollen.

Matthias Heine: Drecksauparty

Die Meisten sind jetzt in den Pool gesprungen. Angezogen, weniger angezogen, nackt. Wir haben es nicht drauf. Unsere ostdeutsche Zurückhaltung verhindert den Erstkontakt. Die dummdreiste Weise, in der die Anderen Mädchen aufreißen, will uns nicht über die Lippen gehen. In einem Moment schaffe ich es, mit kecken Blicken ein Mädchen für mich zu interessieren, im nächsten steht schon so ein Großkotz da und faßt ihr am Arsch entlang von hinten zwischen die Beine – und sie verfällt ihm, ganz ohne Gedicht.

Andreas Vent-Schmidt: Salsa

Es gibt ein Problem für jeden Mann, der willens ist, Salsa zu lernen. Das Problem ist der Tanzlehrer. Unser jedenfalls ist ganz klar ein Angriff auf meine Persönlichkeitsrechte. Ich meine als Mann und so. Der Salsalehrer, der mit dem unglaublich albernen Namen »Timmy« angeredet werden will, trägt ein eindeutig viel zu enges, und ich sage: absichtlich! zu enges T-Shirt und ein Kopftuch wie ein Seeräuber. Selbstverständlich ist er sonnengebräunt, und das Anfang März. Das heißt, er kann es sich leisten, den ganzen Winter Urlaub auf der Südhalbkugel zu machen. Offenbar wird man mit Salsa-Unterricht richtig reich. Spätestens mit dieser Erkenntnis muß er unfaßbar sexy auf die anwesenden Damen wirken. Für den unwahrscheinlichen Fall, daß Frauen im Saal sind, denen das viele Geld und das Draufgängertum eines Seeräubers egal ist, spannen sich unter den kurzen Ärmeln seines T-Shirts muskulöse Oberarme vom Umfang meiner Schenkel. Nur eben ohne Fett.

Udo Tiffert: Der Mann, der den Unfall überlebte

Seit vergangener Woche träumt er von den Sekunden zwischen Aufprall und Krankenhaus. Träumt tief, farbig, aber ohne Ton: Er fliegt unter einem grasgrünen Himmel, einen sommerblauen See unter sich. Kein Hupen, kein Krachen, kein Bersten, kein Splittern. Gleitender Flug, mit einem Stück Autotür in seiner Schulter, als wäre es schon immer dort. Blut, ein wenig Schmerz. Schmerz ohne Ton. Schmerz ohne Panik. Grasgrüne Flugreise. Manchmal auch watteweiches Airbag-Weiß. Weißer Blick zum Tod oder nach dem Tod? Überbelichtetes Material von Resten eines Bewußtseins. Als wären es zwei Unfälle: einer mit Airbag, einer ohne. Der Chirurg hatte zur OP-Schwester gesagt: »Weit genug am Herz vorbei und keine Arterie erwischt. Reinigen und zumachen.«